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Mitmach-Stickstation - Tischtusch-Stickerei

Für die Ausstellung "Threads - Verflechtungen" im Rahmen des "Tacheles - Jahr der Jüdischen Kultur in Sachsen 2026" wurden wir im Frühjahr durch den Buntmacher*Innen e.V. angefragt, ob wir eine Zuarbeit für eine Tischtuch-Mitstick-Aktion im smac anfertigen können. Dabei handelt es sich um einen Tisch, an dem Besucher ein historisches Tischtuch nachsticken können, was eine lange Vergangenheit erzählt: Eine der dort vorgestellten Familiengeschichten betrifft die Familie Noskowitz / Langhammer, deren Nachfahren über mehrere Generationen eine einst unvollendete Stickerei aus Chemnitz letztlich komplettierten und einen über drei Generationen weitergereichten Familienschatz finalisierten. Die Historie hängt auch mit dem Chemnitzer Tapetenfabrikant Max Langhammer zusammen.

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https://www.smac.sachsen.de/threads.html

Das Projekt wurde durch Babette Sperling und Mario Voigt im April bis Mai 2026 letztlich realisiert.

Umsetzung

Umsetzung

Grafik erstellen: Replik eines Familienschatzes digitalisieren

Nach reichlich hin- und her überlegen, wie das Projekt am besten umgesetzt werden könnte, entschieden wir uns für das manuelle Vektorisieren des Tischtuchs mit Inkscape als ersten Schritt. Die vom Originaltuch erhaltenen Fotos wurden dafür zunächst mit GIMP entzerrt (transformiert) und auf das richtige Nennmaß gestreckt. Danach wurde verschiedene Sticharten in unterschiedlicher Art und Weise nachgezeichnet, gruppiert und bereinigt. Eine Kernfrage war dabei, wie das Tuchmuster aufgebaut ist. Es gibt mehrere Musterkomponenten, die sich teilweise spiegelsymmetrisch wiederholen. Das Grundmuster ist jedoch nicht 100% spiegelsymmetrisch.

Wir haben letztlich versucht das Muster so gut es geht nachzubilden. Eine 1:1 Kopie ist uns dabei nicht gelungen, jedoch eine starke Annäherung daran. Unser Fokus lag darauf eine digitale Kopie zu erstellen, die zumindest so "wiederholstabil" ist, dass dass ein Ausdruck mit dem Drucker gleichförmig wird. Durch das Besticken wird es zwangsweise diverse Abweichungen geben: Qualität in der Bestickung (Abstände, Knoten, etc.) und Farbauswahl der Garne.

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Ausschnitt, nachbearbeitet

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Eine Ecke des Tuchs

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Das entzerrte Tischtuch als Zeichenvorlage. Die Abmessungen betragen 118 x 146 cm.

Software-Einsatz

Das Tischtuch wurde mit Inkscape nachgezeichnet. Neben dem Auffinden und Anpassen der sich wiederholenden Elemente (Rapport) war eine Hauptaufgabe das Reduzieren aller Farben auf ein eträglichen Maß, um nicht dutzende Garne verschiedener Farben bereitzustellen.

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die einzelnen Wiederholkomponenten

Von anfänglich 123 manuell zugewiesenen Farben (Color Picker) haben wir schrittweise auf 32 und dann auf 23 Farben reduziert. Die Reduktion erfolgt mit unserem Plugin Cleanup Styles, sowie dem Suchen-und-Ersetzen Builtin.

Farben innerhalb der SVG auflisten und als Farbpalette (*.gpl) speichern:

grafik.png

Wir konvertieren mit einem kleinen Python-Script diese Palette wiederrum in eine SVG, die die Farben als sichtbare Rechtecke enthält und dünnen damit die Farben weiter aus:

Python Script anzeigen
vim gpl_to_svg.py
#!/usr/bin/python3

import re

def gpl_to_svg(gpl_file, svg_file, rect_size=50, gap=5):
    colors = []
    
    with open(gpl_file, 'r') as f:
        for line in f:
            line = line.strip()
            if not line or line.startswith('GIMP') or line.startswith('Name') or \
               line.startswith('Columns') or line.startswith('#'):
                continue
            
            match = re.match(r'(\d+)\s+(\d+)\s+(\d+)', line)
            if match:
                colors.append(tuple(map(int, match.groups())))

    svg_lines = [
        '<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" standalone="no"?>',
        '<svg width="812mm" height="508mm" viewBox="0 0 812 508" version="1.1">'
    ]

    for i, (r, g, b) in enumerate(colors):
        x = i * (rect_size + gap)
        y = 0
        fill = f'rgb({r},{g},{b})'
        svg_lines.append(
            f'  <rect x="{x}" y="{y}" width="{rect_size}" height="{rect_size}" fill="{fill}" />'
        )
    
    svg_lines.append('</svg>')

    with open(svg_file, 'w') as f:
        f.write('\n'.join(svg_lines))
    
    print(f'Successfully generated {svg_file} with {len(colors)} colors.')

if __name__ == "__main__":
    gpl_to_svg('tischtuch.gpl', 'tischtuch.svg')

grafik.png
Der noch unreduzierte Paletten-Output: 34 Farben

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Reduzierte Palette (von Hand ausgewählt): 23 Farben

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Garne und Sticknadeln bereit gestellt

Motivdruck

Das digitalisierte Motiv haben wir auf Heißsiegelpapier ausgedruckt. Dieses ist mit unserem ollen HP Großformatdrucker kompatibel. Es kann auf dem Stoff aufgebügelt werden und auch mehrere Lagen des Papiers können überlappend übereinander gebügelt werden. D.h. es sind größere Flächen möglich - wie in unserem Falle eine Gesamtfläche von 1,46 x 1,18 Metern. Das Gute: Heißsiegelpapier lässt sich recht einfach auch mit dem Bügeleisen wieder entfernen. So kann nach dem später folgenden Stickvorgang das temporäre Heißsiegelpapier verschwinden.

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Motiv ausgedruckt und zugeschnitten (2 Bahnen notwendig, da das Heißsiegelpapier nur 91 cm breit ist)

Zusammenbau des Tischgestells

Das Farbkonzept im Museum empfiehlt die Verwendung von Weiß- und Fliedertönen. Schwarz ist verboten. Das Tischgestell wurde mit 2 gebrauchten IKEA Tischböcken umgesetzt, die verbreitert wurden, um einen Rahmen aufsetzen zu können. Da die Böcke gebraucht waren, wurden sie nochmals mit weißer Farbe deckend überstrichen.

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Bespannen des Rahmens

Das Bespannen erfolgte in anstrengender Handarbeit. An allen Stellen wurde der vorbereitete Stoff (Vernähung mit Twillband) mit einem Handtacker an den Rahmen geheftet - stets unter passender Vorspannung und Ausrichtung, um später das Motiv gut aufbügeln zu können, d.h. faltenfrei und in einem geeigneten Arbeitszustand. Danach wurde das ausgedruckte, 2-bahnige Motiv mit Stecknadeln fixiert. Hierbei wurde festgestellt, dass es vertikale Maßabweichungen im Druckerzeugnis gab (wahscheinlich inkonstanter Papiervorschub, da das Papier sehr dünn ist). Diese Abweichungen mussten manuell ausgeglichen werden. Die dabei entstandenen Falten im Papier wurden durch gezielte Scherenschnitte reduziert.

Wir haben ermittelt, dass sich der gekaufte Baumwollstoff um ca. 6,7% dehnen lässt. Entsprechend haben wir den Stoff für den Rahmen in den gespannten Zustand berechnet:

  • 128,5 cm Breite Soll = 120,5 cm Ist * 1,067
  • 162,0 cm Länge Soll = 152,0 cm Ist * 1,067

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Maßkonzept / Rahmenvorbereitung

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Aufbau im Museum

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Verwendete Materialien und Werzeuge

Verwendete Materialien und Werzeuge

Material Menge Kosten brutto (inkl. Versand) Hinweise

Baumwollsatin

200 x 150 cm 26,14 €

Aufbügel-/Plotterpapier Sorte 125-15 60g/m² 91cm - 10 Meter von Stoeffler

1x Rolle 18,35 € passend für unseren alten DesignJet Drucker (Papierkonfiguration: Transparentpapier, weiß matt)

Tischbock Mittback von IKEA

2x 50,00 €

Stickgarne

 23 Farben - 47 Stück 0,00 € (aus Bestand) wurden in kleinteiliger Handarbeit aus Resten "gerettet"

Sticknadeln

12 Stück (2x 6er Packung) 5,98 €

Laminierfolie

2 Stück 0,20 €

Twillband

ca. 7 lfm 0,00 € (aus Bestand) Materialspende / Reste

Holzschrauben

20 Stück - div. Längen rd. 2 € aus Bestand

Holzbalken 44 x 44 x 2000 mm Fichte, gehobelt

4 Stück 31,12 € Rahmenholz

Holzbalken 90 x 35 x 1433 mm, gehobelt

2 Stück rd. 5,00 € aus Bestand

Weiße Möbelfarbe IKEA 250 ml

1 Dose 15,00 € aus Bestand

Tackerklammern

ca. 100 1,70 € aus Bestand

Stretchfolie

ca. 20 Laufmeter 0,50 € aus Bestand

Gesamt


155,99 €

Sticharten und Mitsticken

Die verwendeten Stiche sind ...

  • Stielstich: Für Blattadern sowie Verbindungslinien außerhalb der Blätter
  • Kettenstich: als innere Abschlusslinien
  • Knopflochstich: für die Konturen von Blättern und Blüten
  • Plattstich: für die Innenflächen von Blättern und Blüten

Die Stiche sind z.B. hier anschaulich beschrieben: https://www.dmc.com/DE/de/sbs-embroidery-stitch-diagrams

Vor ort findet ihr ...

  • Stickrahmen, an den ihr euch setzen könnt - mit Auf dem gespannten Baumwollstoff aufgebrachten Replik des Originalmotivs
  • Stickanleitung (mehrere Kopien)
  • Sticknadeln
  • verschiedene Stickgarne (Farben vorausgewählt) - sollte das bereitgestellte Stickgarn alle werden, meldet euch bitte beim SMAC oder bei uns.
  • Scheren
  • es ist Platz für bis zu 5 Personen, die gleichzeitig am Motiv sticken können. Die bereitgestellten Hocker sind alle gleich hoch und relativ niedrig. Deshalb haben wir uns für kostengünstige Tischböcke von IKEA entschieden, welche auf eine Höhe von 70 - 93 cm eingestellt werden können.

Anleitung

  1. Wählen Sie ein freies Feld innerhalb der vorgezeichneten Konturen.
  2. Orientieren Sie sich am ausgestellten Originalbild, das als Vorlage dient.
  3. Wählen Sie eine geeignete Stickgarnfarbe.
  4. Fädeln Sie die Nadel ein und verknoten Sie das Ende des Stickgarns.
  5. Beginnen Sie mit einem Stich von der Unterseite der Decke, sodass sich der Knoten auf der Unterseite befindet.
  6. Wenn Sie fertig sind, ziehen Sie den Faden wieder auf die Unterseite der Tischdecke und verknoten Sie das Ende nach Möglichkeit.

Wichtige Hinweise

Der mittlere Motivteil ist nicht bestickbar, da er physisch zu weit entfernt ist. Dafür müsste es in einen kleineren Stickrahmen umgespannt werden, nachdem das Äußere fertig gestellt wurde.
Selbst, wenn das Motiv direkt am Rahmenrand losgehen würde, wäre der maximale Abstand noch  73 cm - 16 cm = 57 cm betragen. Eine Durchschnittsarmlänge beträgt jedoch eher 45 - 50 cm, sodass die mittleren Zonen so oder so nicht erreichbar sind!

Der Stickrahmen ist nicht dazu gedacht, sich aufzustützen!

Aufwand und Unterstützung

Die Realisierung des Projektes hat in Summe knapp über 50 Personenstunden in Anspruch genommen.

Gefördert durch die Carl und Marisa Hahn-Stiftung und den Buntmacher*innen e.V.

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